Es war einmal … eine 7-38-55-„Formel“

Mehrabian und kein Ende

Es war einmal ein Psychologe, der Ende der 1960er-Jahre an einer us-amerikanischen Universität Trivialitäten bei der Reaktion auf gesprochene Sprache untersuchte. Wir können sie getrost unter der Überschrift „Der Ton macht die Musik“ zusammenfassen. Auch der Gesichtsausdruck beim Sprechen fand Beachtung. Etwa so: Wenn jemand mir gegenüber zum Beispiel das Wort „Liebe“ im Stechschritt spricht, muss ich es wohl davon ausgehen, dass es geheuchelt ist. So weit, so simpel. Wie in weiten Teilen der US-Forschung üblich, brachte Mehrabian seine Ergebnisse in Zahlenform. Danach würden 55 % einer Botschaft durch Mimik und Gestik vermittelt, so hieß es, 38 % durch die Stimme und 7 % durch den Inhalt. (Der Ethnologe Edward T. Hall denkt, dass seine Landsleute unfähig sind, die Performance von etwas zu beurteilen, wenn sie nicht in Zahlen ausgedrückt ist.)

Perfomance für Plastikwörter?

Guter Auftritt und Präsenz sind insbesondere für Führungskräfte Schlüsselfaktoren für den Erfolg. Sie müssen ständig neue Herausforderungen meistern, agile und innovative Umgebungen steuern und dabei auf jeder Bühne souverän sein. Rollensicherheit und Ausdrucksstärke sind ganzheitliche Kompetenzen.

Die 7-38-55-„Formel“ wäre sicher schnell im großen akademischen Rauschen untergegangen, hätten nicht windige Marketingleute sie als Geschäftsgelegenheit erkannt. Für diejenigen, die „Inhalt“ anstrengend finden, schien die Formel ein Segen zu sein, für eine neue Spezies Trainer aber war (und ist) sie eine Goldgrube. Man verkaufte „Performance“ und legitimierte das Ganze mit „Wissenschaft“. (Ein ähnliches Schicksal erlitten auch „Storytelling“ und „Heldenreise“.)

Mehrabians „Formel“ ist wohl eine der am häufigsten falsch interpretierten wissenschaftlichen Studie aller Zeiten. Es ging ausschließlich – das betonte Mehrabian immer wieder – um die „communications of feelings and attitudes“, keinesfalls um eine Aussage zu Kommunikation im Allgemeinen. Wie hartnäckig und langlebig der Blödsinn ist, der mit dieser Fehlinterpretation (oder sollen wir es Fake News nennen?) in die Welt getragen wird, können wir bis heute täglich bei den „Performances“ unendlich vieler Personen des öffentlichen Lebens besichtigen, die völlig übertrainiert Kaskaden von Plastikwörten absondern, die von nichts als ein paar Präpositionen und viel Kleister zusammengehalten werden. Schon 2009 warnte der Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) vor zu viel „Performance“ und zu wenig Inhalt. Es ist seitdem nicht besser geworden.

Glücklicherweise gibt es auch heute noch Persönlichkeiten, die nicht als Oberflächenphänomene in die Welt treten wollen, für die Inhalt und Auftritt nur zusammen und ineinander verschränkt einen Sinn ergeben.

Denk-Spiel-Raum

Echte Überzeugung ist ein rhetorisches Pfund, mit dem man stets wuchern kann – abgesehen von brillanten Inhalten und einem ebenso durchdachten wie authentisch gelebten Auftritt.

Wenn Inhalt und Performance kongenial aufeinender abgestimmt sind, wenn Sprache und Denken sich in Bewegung und Auftritt manifestieren, kann man sich in jeder Situation und auf jeder Bühne souverän bewegen.

Ihr Publikum wird Sie lieben.

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Autor: Susanne Weiss

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